PHW-Chef Peter Wesjohann: Der Protein-Visionär

Von Mirko Jeschke | Fotos: Sven Matthes | Drucken

Angesichts des gestiegenen Geflügelfleischverbrauchs konnte Peter Wesjohann für 2018 ein solides Wachstum vermelden. Auch für die Zukunft ist der Chef der PHW-Gruppe optimistisch und setzt auf ein neues, äußerst innovatives Geschäftsfeld – Alternative Proteinquellen.

Die Zeiten für die Wiesenhof-Muttergesellschaft PHW sind gut: Die jüngsten Geschäftszahlen für 2017/2018 weisen ein Umsatzwachstum von gut vier Prozent aus, das vor allem einem Trend zu verdanken ist – der gestiegenen Nachfrage nach Geflügelfleisch. So ist der Pro-Kopf-Verbrauch im vergangenen Jahr nach Schätzungen des Branchendienstes Marktinfo Eier & Geflügel (MEG) auf 21,9 Kilogramm (Vorjahr: 21,0 kg) deutlich gestiegen. Um der wachsenden Nachfrage Rechnung zu tragen, hat das niedersächsische Familienunternehmen in den letzten Jahren kräftig investiert, meist in die deutschen Standorte.

Dass es PHW mit seinem neuen Geschäftsfeld Alternative Proteinquellen ernst meint, beweisen die zahlreichen, in jüngster Vergangenheit geschlossenen Partnerschaften, darunter mit dem israelischen Start-up Supermeat (künstlich erzeugtes Geflügelfleisch), den kanadischen Unternehmen Beyond Meat (pflanzlicher Fleischersatz) und Enterra (Insektenproteine als Sojaersatz in Tierfutter) sowie den US-Firmen Good Catch (vegane Fischprodukte) und Just Egg (pflanzlicher Ei-Ersatz). Doch das muss noch nicht das Ende der Fahnenstange sein – die PHW-Gruppe bleibt auch in Zukunft offen für Kooperationen.

Herr Wesjohann, wie gut ist Ihr Unternehmen zurzeit aufgestellt?

Ich bin durchaus zufrieden, was unsere aktuelle Aufstellung angeht. Allerdings sind wir in einer Branche tätig, die sehr hart umkämpft ist, mit sehr viel Wettbewerb. Wir müssen deshalb jeden Tag hart arbeiten, um auch in der Zukunft bestehen zu können.

Es dürfte aller Voraussicht nach nicht einfacher werden, oder?

Es gibt sicherlich europäische Konsolidierungstendenzen auch in der Geflügelbranche. Das heißt, es werden vorwiegend in Westeuropa nicht alle Unternehmen überleben, zumindest nicht in ihrer jetzigen Form. Aber auch in Osteuropa ist ein extremes Wachstum im Geflügelbereich erfolgt, speziell in Polen. Auch dort werden nicht alle diejenigen, die jetzt investiert haben, über die nächsten Jahre die Eigentümer bleiben.

Was bedeutet das für den deutschen LEH?

Es gibt einfach zu viel Fläche in Deutschland und das führt natürlich zu Wettbewerb. Auch hier hat es in der Vergangenheit schon Konsolidierungen gegeben. Viele Händler, die es vor 20 Jahren – als ich begonnen habe – gegeben hat, existieren heute nicht mehr.

Inwieweit machen Sie bei der Konsolidierung Ihrer Branche mit?

Wir arbeiten zumindest daran, dass wir am Ende des Tages zu den Überlebenden gehören werden. Dazu braucht man eine vernünftige strategische Ausrichtung und muss schauen, dass man die Thematik nicht zu leicht nimmt. Es ist wie beim Fußball: Wenn man einen Gegner unterschätzt, verliert man meistens.

Die jüngsten Geschäftszahlen zeigen, dass Sie von der steigenden Nachfrage nach Geflügelfleisch profitieren. Wird sich dieser Trend fortsetzen?

Im letzten Jahr war die Zunahme des Pro-Kopf-Verbrauchs schon beachtlich. Aber man darf nicht davon ausgehen, dass es in diesem Tempo weitergeht. Generell ist der Trend beim Geflügelfleischverbrauch aber intakt. Zudem sehe ich für uns in Deutschland noch viele Chancen, weil wir mit dem Hähnchen ein Produkt haben, das für Gesundheit steht und gerade die jüngere Zielgruppe anspricht.

Es verschieben sich doch aktuell die Marktanteile insgesamt, oder?

In Deutschland wird der Kuchen nur kleiner beim Gesamtfleischverbrauch. Weltweit gesehen wird der Kuchen nicht kleiner, weil der Fleischverbrauch entsprechend stark wachsen wird. Gerade Schwein wird weltweit wachsen und Geflügel noch mehr in den nächsten Jahrzehnten, weil vor allem in den asiatischen Ländern erst die Umstellung von pflanzlicher Nahrung hin zu tierischer Nahrung erfolgt.

Im Vergleich zu Deutschland bzw. Westeuropa eine umgekehrte Entwicklung?

Genau, wobei wir uns als ein Unternehmen sehen, das hochwertige Proteinquellen anbietet. Da ist es relativ egal, ob man im tierischen oder im pflanzlichen Bereich tätig ist, ob es sich etwa um In-vitro-Fleisch oder um Insektenproteine handelt. Wir möchten auf Dauer als Anbieter von alternativen Proteinquellen oder von Proteinquellen an sich wahrgenommen werden.

Das sind doch aber Nischenmärkte?

Natürlich ist der Veganbereich immer noch eine Nische und wird das voraussichtlich auch lange Zeit bleiben. Aber er ist eine wachsende Nische, gerade wenn man dort Produkte einführt, die tatsächlich schmecken. Das ist die Voraussetzung. Wenn die Produkte entweder gleich gut oder sogar besser schmecken als Fleisch, wird es dafür auch einen etwas größeren Markt geben. Davon bin ich fest überzeugt.

Stichwort Clean Meat, also künstlich gezüchtetes Geflügelfleisch: Wie schnell kann so ein Produkt in den LEH kommen?

Ich denke, dass wir in fünf, sechs Jahren erste Produkte sehen werden, zunächst allerdings im Premiumbereich. Es werden aber Convenience-Produkte sein, also Chicken Nuggets, Chicken Burger, Pattys etc. Wobei ich durchaus an die Skalierbarkeit dieser Technologie glaube.

Wie werden sich Produkte auf pflanzlicher Basis weiterentwickeln?

Auf Pflanzenbasis haben wir ja schon einen Nischenmarkt. Wenn Sie beispielsweise den gluten- und gentechnikfreien Beyond Burger aus Erbsenprotein verkosten – der schmeckt tatsächlich wie ein Rindfleischburger und sieht auch so aus – dann merken Sie keinen Unterschied mehr. Das heißt, dieses Produkt hat ein Marktpotenzial, das am Ende des Tages höher ist als ein Burger, der nicht so gut schmeckt.

Gilt Gleiches für den Ei-Ersatz Just Egg?

Auch hier haben das ganz normale Leute getestet, es in der Pfanne gebraten und festgestellt, Bratverhalten und Geschmack sind genauso wie bei Rührei. Daran sieht man, dass ein Produkt funktioniert, auch wenn es anfangs etwas teurer sein wird als normales Flüssigei. Aber ich glaube an das Marktpotenzial, im Gastrobereich wie im LEH, gerade für Flexitarier.

Was sagen Sie zum staatlichen Tierwohllabel?

Eigentlich braucht es keines. Man sollte das auf europäischer Ebene einheitlich regeln. Allerdings ist das unwahrscheinlich. Aber wie es jetzt angedacht ist – oder im Schweinefleischbereich schon da ist – mit Freiwilligkeit, ist es unglaubwürdig. Zudem ist die Finanzierung nicht gesichert. Das befördert, dass letztendlich mehr ausländische Ware nach Deutschland kommt und es deshalb weniger Tierwohl geben wird.

Wie könnte es funktionieren?

Indem es ein verpflichtendes staatliches Label gäbe, bei dem sowohl der LEH, der ja zurzeit alleine in den Fonds einzahlt, als auch der Großverbraucher-Gastronomiebereich einen absoluten – keinen relativen – Betrag pro Kilo verkauftes Fleisch in einen staatlichen Tierwohlfonds einzahlen. Da können auch noch Subvention dazu kommen oder Steuergelder. Aus diesem Fonds müssten die Mehrleistungen der Landwirte dann honoriert werden.

Wie stark treiben Sie im eigenen Unternehmen das Thema Tierwohl voran?

Ende dieses Jahres werden ungefähr 80 Prozent unserer deutschen Produktion unter irgendeinem Tierwohlkonzept laufen. Aktuell sind es über 60 Prozent.

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