Werner & Mertz: Ein Preis für den Pionier

Von Marcelo Crescenti | Fotos: Heiko Rhode | Drucken

Reinhard Schneider, Inhaber des WPR-Herstellers Werner & Mertz, hat den renommierten Deutschen Umweltpreis gewonnen. Im Interview spricht der Mainzer Unternehmer über echte Nachhaltigkeit, das Henne-Ei-Problem beim Einsatz von Rezyklatflaschen und wie Marken Vertrauen beim Konsumenten erzeugen können.

Reinhard Schneider empfängt im Glashaus. Von seinem Eckbüro im obersten Stockwerk der verglasten Firmenzentrale von Werner & Mertz blickt er auf das Gewerbegebiet des Mainzer Arbeiterviertels Mombach und auf die Fabrik des Unternehmens, das vor allem durch die Marke Frosch bekannt ist. Im Foyer des klimafreundlichen Gebäudes können Besucher echte Frösche im Aquarium bestaunen.

Die biologischen Wasch-, Reinigungs- und Putzmittel der Marke Frosch genießen ein hohes Vertrauen bei den Konsumenten, wie Studien Jahr für Jahr zeigen. Das ist auch dem hochgewachsenen Schneider zu verdanken, Jahrgang 1968, einem Nachfahren des Gründers des Familienunternehmens. Seit 1992 bestimmt er hier den Kurs mit – zunächst als Mitglied im Aufsichtsrat, dann als Geschäftsführer. Sein Steckenpferd ist seit jeher die Nachhaltigkeit.

„Er hat in wahrer Pionierleistung gezeigt, dass umweltbewusstes und unternehmerisches Handeln kein Widerspruch sind, und das zu seinem Erfolgsrezept gemacht. Produkte und Produktion hat er zudem voll auf Nachhaltigkeit getrimmt.“ Das sagt niemand geringeres als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, aus dessen Händen Schneider Ende 2019 den renommierten Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt erhalten hat.

Der Frosch-Chef ist an vorderster Front, wenn es darum geht, in einer ökologisch eher schwierigen Branche Lösungen zu finden, die die Umwelt weniger belasten. Er dreht immer wieder an den Formeln seiner Produkte, zudem legt er viel Wert auf den Einsatz von Rezyklat und leicht recycelbaren Monomaterialien und hat beispielsweise die erste Kosmetikverpackung auf den Markt gebracht, die zu 100 Prozent aus recycelten Materialien besteht.

Zuweilen verzweifelt Schneider aber auch – an der Bürokratie, am Unwillen der Wettbewerber, bei seiner Rezyklat-Initiative mitzumachen. Und am laschen Umgang mit dem Deutschen Verpackungsgesetz. Danach steigt die Vorgabe für die Verwertung von Kunststoffen bis 2022 zwar auf 63 Prozent. Sie wird jedoch regelmäßig verfehlt. „Das klingt gut in der Theorie, funktioniert bisher aber nicht in der Praxis“, ärgert sich Schneider. Ausreden von Wettbewerbern, mit denen er gelegentlich auch juristisch im Clinch liegt, lässt er nicht gelten: „Es geht bei diesem Thema nachweislich nicht um einen Mangel der technischen Machbarkeit, also des Könnens, sondern um einen Mangel des Wollens.“

Sie setzen sich seit Jahren für einen höheren Anteil von Rezyklat in Verpackungen ein. Warum geschieht das noch nicht branchenweit?

Beim Einsatz von Rezyklat haben wir ein klassisches Henne-Ei-Problem. Steigende Volumina würden die Maschinenauslastungen verbessern und die Kosten insgesamt senken. Bereits 2013 bin ich auf einige Wettbewerber zugegangen und habe eine Kooperation im Rahmen eines Open-Innovation-Prozesses angeboten. Sie scheuen jedoch die höheren Kosten. Doch so bekommt man keine Skalierungseffekte hin. Das hängt damit zusammen, dass neue Prozesse meistens mit Investitionen zusammenhängen, die man lieber so weit wie möglich vor sich herschiebt, statt Pionier der Zukunftsthemen zu sein. Dieses Vorsichherschieben von Veränderungen schont zwar vorübergehend den Geldbeutel, es rächt sich jedoch mehrfach, wenn man von anderen technologisch überholt wird und dann zusätzlich in der ö¬ffentlichen Meinung klar wird, dass man notwendige Reformen vorsätzlich verschleppt hat.

Wie lautet das übergeordnete Ziel für Ihr Unternehmen und für die Marke Frosch?

Unser Ziel ist, Nachhaltigkeit in den Mainstream zu überführen. Dabei müssen wir sie von der Verzichtswahrnehmung entkoppeln.

Was meinen Sie damit?

Was ich damit konkret meine: Bio-Putzmittel sollten unserer Ansicht nach denselben Grundnutzen haben wie konventionelle Produkte. Wir wollen mit dem Klischee aufräumen, echte ökologische Produkte hätten eine geringere Reinigungskraft. Das stimmt bei uns definitiv nicht. Schauen Sie sich zum Beispiel unseren Glasreiniger an, der mit „Sehr Gut“ als leistungsfähigster bei der Stiftung Warentest abgeschnitten hat. Ohne eine hohe Reinigungskraft hätten wir das nicht erreicht.

Glaubt man den Studien, die der Marke Frosch ein hohes Konsumentenvertrauen bescheinigen, gelingt Ihnen das ganz gut.

Unsere Marke genießt in der Tat ein großes Vertrauen bei den Verbrauchern. Und Vertrauen ist ein knappes Gut, das man sich hart erarbeiten muss. Es ist viel entscheidender für die Konsumentenentscheidung als der Preis. Frosch ist mittlerweile zum Glaubwürdigkeitsanker im WPR-Sortiment avanciert, das strahlt auch auf den jeweiligen PoS aus.

Woher rührt eigentlich Ihr Engagement für die Nachhaltigkeit, das nun sogar vom Bundespräsidenten ausgezeichnet wurde?

Es ist meine Überzeugung, dass unser Weg der richtige für die Zukunft ist. Wir sind zum einen ein Familienunternehmen, planen also langfristig und fühlen uns für unsere Mitarbeiter und auch für die Umwelt verantwortlich. Zum anderen möchte ich eine Antwort haben, wenn meine Kinder mich künftig fragen: Was hast du getan, um Nachhaltigkeit zu fördern und die Welt besser zu machen?

Sie gehen schon mal juristisch gegen Wettbewerber, vor die Greenwashing betreiben. Ist das Problem weit verbreitet?

Es gibt derzeit eine Täuschungsflut auf dem Markt. Zum Beispiel Produktverpackungen, die aus Meeresplastik bestehen sollen. Wenn man das Kleingeschriebene liest, entpuppen sie sich häufig als Mogelpackung. Sinnvoller ist es, dafür zu sorgen, dass der Plastikmüll gar nicht erst ins Meer gelangt – dadurch, dass man ihn vorher recycelt.

Genügt es denn, sich auf die Verpackung zu konzentrieren?

Natürlich nicht. Nachhaltigkeit kann man nicht singulär betrachten. Ein Unternehmen wird hier an seiner Ganzheitlichkeit gemessen. Wir haben zum Beispiel, als wir ein neues Verwaltungsgebäude gebaut haben, dafür gesorgt, dass es so umweltfreundlich wie möglich gestaltet wird. Mit „LEED Platinum“ haben wir die anspruchsvollste Nachhaltigkeitszertifizierung für Gebäude erhalten, die es gibt. Durch Windkraft, Fotovoltaik und geothermische Grundwassernutzung erzeugt der Neubau 20 Prozent mehr Energie als er benötigt.

Haben Sie bereits die nächste Verpackungsinnovation in der Schublade?

Es geht immer weiter. Wir wollen in Sachen Nachhaltigkeit unseren Vorsprung weiter ausbauen. Wir haben nun zum Beispiel den weltweit ersten Standbeutel für Flüssigwaschmittel aus einem Monomaterial entwickelt. Die Herausforderung hier war auch das Bedrucken des Beutels. Wir haben eine abtrennbare Dekorationsschicht um den Beutel herum, die aus bedruckbarem, dünnem Kunststo¬ff besteht. Der Konsument kann, aber muss nicht diese Folie vor der Entsorgung in den Gelben Sack abziehen, da in den Recyclinganlagen die Trennung automatisch erfolgt. Da der gesamte Beutel inklusive Kappe und darunter liegendem Gewinde aus Monomaterial (LDPE) besteht, kann er zu 100 Prozent recycelt werden und spart rund 70 Prozent Plastik im Vergleich zu einer Flasche gleichen Füllvolumens. Allein an dieser Entwicklung haben wir ganze fünf Jahre gearbeitet. Die Hälfte des Patents haben wir selbst entwickelt.

Sie sind seit einem Jahr auch im Kosmetikgeschäft tätig. Manche sahen darin die Gefahr einer Überdehnung der Marke Frosch. Wie gelingt der Sprung vom Putzmittel zum Duschgel?

Im Kosmetikgeschäft ist unser Markenauftritt, anders als im WPR-Bereich, nicht so sehr an den Grundnutzen der Produkte gekoppelt, sondern eher an die Nachhaltigkeit. „Frosch Senses“ bietet neben einem guten Produkt eine Verpackung aus 100 Prozent Rezyklat an – die erste überhaupt in diesem Marktsegment. Vor dem Launch waren in der Tat einige skeptisch, ob sich die Marke auf Duschgels übertragen lässt. Wir sind jedoch mit der Verkaufsentwicklung der Produktreihe sehr zufrieden – und auch zuversichtlich für die Zukunft.

Zum Schluss: Wie schwierig ist es, im Zeitalter des Internets und der Shitstorms ein Unternehmen zu führen?

Ich bin froh über die Transparenz im Internetzeitalter. Die Kommunikation ist schneller und dynamischer geworden, und die Konsumenten können unmittelbar erfahren, welche Unternehmen es mit der Nachhaltigkeit wirklich ernst meinen.

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