Serie zum Mauerfall – Teil I: Wie der Osten den Westen eroberte

Von Nilofar Eschborn | Fotos: Pixabay | Drucken

Anlässlich des 30-jährigen Mauerfall-Jubiläums beleuchtet die RUNDSCHAU, wie es ostdeutschen Herstellern gelungen ist, bundesweite Relevanz im Lebensmittelhandel zu erlangen. Teil I der Serie zum Mauerfall blickt auf die Entwicklung von fünf Ost-Marken seit der Wende – und damit auf fünf unterschiedliche Geschichten.

1) Dr. Quendt aus Dresden: Der Unternehmer, der sich seine Partner eigens erkämpfte

Es war Dr. Hartmut Quendt, der 1991 mit seinem Team die Dauerbackanlage der ehemaligen VEB RUBRO vor der Verschrottung gerettet hatte. Unter neuem Firmennamen gelang es, die ostdeutschen Konsumenten weiter für die Sächsischen Spezialitäten wie Russisch Brot, Dresdner Stollen oder Dresdner Dominosteine zu begeistern und neue Produkte wie Dinkelchen oder Bemmchen am Markt zu etablieren. Doch auch über Sachsen hinaus wollte man nach dem Mauerfall Fuß fassen. Marketingmanagerin Claudia Heller erzählt: „Regional geschah es nach der Gründung zunächst selbständig durch persönliche Gespräche mit dem Handel. Deutschlandweit stellte der Unternehmer Dr. Quendt dann auf den großen Süßwarenmessen wie ISM, Anuga und BioFach aus. Hier hat er sich jeden Handelspartner eigens erkämpft. Später arbeitete man dann mit erfolgreichen Handelsagenturen zusammen, die den deutschen Markt flächendeckend betreuen.“ Heute will Dr. Quendt im Exportgeschäft verstärkt die Expertise und die Kontakte der Lambertz-Gruppe nutzen, erklärt Heller.

2) Halloren aus Halle (Saale): Der Weg zurück zur Kugel

Nach der Wende war es zunächst schwer für Halloren, in Westdeutschland Fuß zu fassen, sagt Vorstand Darren Ehlert: „Die Marke erhielt Absagen von Handelsketten, die Verbraucher waren skeptisch. Halloren hat gemerkt, dass das Produkt eher nischig war.“ In dieser Nische sei man nicht überlebensfähig gewesen, soviel stand fest. Also weitete Halloren das Portfolio aus, um mit dem Handel vermehrt ins Gespräch zu kommen. „Man kann sagen, Halloren hat die Wende überlebt, weil die Marke sich angepasst hat“, so Ehlert. Doch dann die Kehrtwende: Es zeigt sich, dass sich der Hersteller im Vergleich mit Konkurrenten nur noch wenig differenzieren konnte – also rückte die Halloren-Kugel wieder in den Fokus. „Wir sind die Kugel-Company, pflegen wir heute zu sagen. Schließlich war es dann der Weg zurück zu den Wurzeln, der Halloren wettbewerbsfähig machte. Es war also eine Lehre, nicht zu vergessen, wer wir sind.“

3) Rotkäppchen-Mumm aus Freyburg (Unstrut): Die richtige Kombination

Rotkäppchen-Mumm hat davon profitiert, dass die Aktivitäten des Unternehmens, dessen Tradition bis in das Jahr 1856 zurückgehen, von Anfang an auf den gesamtdeutschen Markt ausgerichtet wurden. Heute gehört Rotkäppchen-Mumm zu den weltweit führenden Produzenten von Sekt, Wein und Spirituosen. Geschäftsführer Christof Queisser verrät, wie das Unternehmen nach dem Mauerfall handelte: „Bereits unmittelbar nach der Wende wurde wieder die nationale Distribution von Rotkäppchen Sekt angestrebt. Zudem wurden das Sortiment und die Ausstattung angepasst, die Preis-Positionierung im Bereich der Traditionsmarken angesiedelt und eine nationale Marketingstrategie entwickelt. Die richtige Kombination dieser Faktoren bildete in den 1990er Jahren den Grundstein für den bundesweiten Erfolg von Rotkäppchen im deutschen LEH.“ Er betont, dass jedoch in erster Linie Qualität und Geschmack zu den entscheidenden Kriterien für den Erfolg gehört haben.

4) Viba Sweets aus Floh-Seligenthal: Nougat im Fokus

Für Viba Sweets stellte der Mauerfall eine deutliche Zäsur da. Alle internen Strukturen sowie auch das Sortiment mussten geprüft und neu aufgestellt werden, alle bis dahin genutzten Vertriebs- und Absatzwege sind mit einem Mal weggebrochen. „Im Grunde hat das Unternehmen bei null angefangen“, sagt Geschäftsführer Dr. Andreas Steffen. Und so ebnete sich der Süßwarenhersteller den Weg in den Westen: „Bereits auf der ISM Köln Anfang 1992 hat sich das Unternehmen mit neuen Produkten und einem neuen Auftritt präsentiert. Schnell wurde der Fokus wieder auf Nougat gelegt und schon bald hatte der damalige Handelspartner Spar die Produkte ins Sortiment aufgenommen. Die ersten Listungen im Westen erfolgten einige Jahre später“, erzählt Dr. Steffen weiter. 2004 folgte dann der erste eigene Shop in Rosenheim.

5) Bautz’ner aus Bautzen: Sympathie durch Bodenständigkeit und Ehrlichkeit

Bautz’ner wurde 1992 Teil des Familienunternehmens Develey Senf & Feinkost GmbH. Inzwischen ist der Bautz´ner Senf mittelscharf der meistgekaufte Senf Deutschlands. Die ostdeutsche Marke mit über 60-jähriger Tradition sieht sich zwar in der sächsischen Heimat verwurzelt, aber schon lange in Gesamtdeutschland angekommen. Volker Leonhardi, Marketingverantwortlicher der Develey Senf & Feinkost GmbH erklärt, dass zur großen Bekanntheit vor allem die Werte des Unternehmens beigetragen haben: „Wir sind stolz auf unsere Bodenständigkeit und Ehrlichkeit – Werte, die uns viele Sympathiepunkte bei den Konsumenten einbringen und dafür sorgen, dass uns die Bautz´ner Fans weiterempfehlen.“

Mehr zum Thema „Mauerfall: 30 Jahre danach“ lesen Sie in der November-Ausgabe der RUNDSCHAU.

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