Strategie gegen Corona im Herbst: Lüften, Filtern, Impfen

Von Martina Kausch | Fotos: Uniklinik Bonn | Drucken

Hygieneprofessor Martin Exner hat die Rolle der Klimaanlagen bei Tönnies‘ Corona-Ausbruch untersucht. Im RUNDSCHAU-Interview spricht er über die richtigen Luftfilter und weitere Schutzmaßnahmen, die im Herbst weiter an Bedeutung gewinnen.

Luftreinigung durch HEPA-Filter, häufige Frischluftzufuhr durch Lüften von Räumen sowie Influenza- und Streptokokken-Impfungen sind neben Masken für Martin Exner, Leiter des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit der Uniklinik Bonn, die wesentliche Maßnahmen zum Schutz gegen den Corona-Virus. Das sagte er im Interview mit der RUNDSCHAU.

Exner plädiert angesichts der bevorstehenden kalten Jahreszeit dafür, verstärkt HEPA-Filter in geschlossenen Räumen zu installieren. „Wo immer Technik eingesetzt werden kann, hilft das, um andere Verhaltensdefizite auszugleichen“, so Exner. Eine Grundthese der Hygiene sei: Je geringer die Konzentration des Erregers, desto geringer das Ansteckungsrisiko. Regelmäßiges Lüften sei deswegen grundsätzlich absolut sinnvoll.

Exner und sein Team hatten in der Fleischzerlegung bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück die Rolle der Klimaanlagen bei der Verbreitung des Virus untersucht. Im Juni war es dort zu einem Corona-Ausbruch mit Hunderten Infizierten gekommen. Fazit: Das Virus konnte sich bei Temperaturen zwischen 5 und 10 Grad Celsius ausbreiten, weil die Mitarbeiter bei schwerer körperlicher Arbeit durch ihre „Pumpatmung“ viel Atemluft mit Viren ausstoßen und die Raumluft kaum gefiltert, sondern nur umgewälzt und gekühlt wurde.

Filtertechnologie bislang kaum gegen Viren wirksam

Exner gibt aber auch zu bedenken, dass vor Corona der Anspruch an Klima- und Filteranlagen ein anderer war: „Die Filtertechnologie für die raumlufttechnische Behandlung von Räumen ist bislang generell nicht auf die Eliminierung von Viren ausgerichtet gewesen, im Vordergrund standen Bakterien und Pilze. Durch SARS-CoV-2 sind wir hier in ganz anderer Weise gefordert.“ Generell sei das die Corona-Pandemie auslösende Virus SARS-CoV-2 so schwer zu bekämpfen, weil es sich eben ausschließlich über die Luft ausbreitet. „Für uns ist die luftübertragene Infektion am schwierigsten unter Kontrolle zu bringen,“ so der Hygieniker. „Hygiene fragt immer: Wo ist das Reservoir? Wie wird der Erreger übertragen, wie wird er aufgenommen? Das Reservoir von Sars-CoV-2 ist der Mund- Nasen-Rachenraum. Hier sitzt das Virus. Es sitzt nicht im Blut, nicht auf der Haut. Emittiert wird aus dem Mund-Nasen-Raum“, fasst Exner zusammen.

Mobile Geräte sinnvoll

Wenn bei schwerer körperlicher Arbeit keine FFP2 Maske getragen werden könnten, seien chirurgische Masken eine Alternative. Luftreinigung durch Filter hält der Fachmann dann für sehr sinnvoll: „Ideal wäre: Wenn man Umluft verwendet, die Luft durch HEPA-Filter zu filtern. Andere Filter wie F7-Filter sind nicht dafür auslegt, Viren zurückzuhalten. Das wäre die ideale Lösung.“ Exner berichtet von Lösungen aus dem Klinikbereich: „Der Einsatz mobiler Geräte kann einen zusätzlichen Effekt haben, das wird aktuell untersucht. Wir haben mit solchen Umluftgeräten gute Erfahrungen bei der Prävention von Pilzinfektionen bei immunsupprimierten Patienten gemacht. Optimal im Raum positioniert, können solche mit HEPA-Filter ausgestatteten Geräte die Viruslast um bis zu 6 Log Stufen reduzieren.“

Hundertprozentige Virusfreiheit ist für den Hygienespezialisten keine Option: „Alle Maßnahmen sollten darauf ausgerichtet sein, selbst wenn es zur Freisetzung von Viren kommt, die Konzentration der Viren so gering wie technisch möglich zu halten. Es gilt das ALARA-Prinzip: „As low as reasonably archielable“ – also die Konzentration „so gering wie vernünftigerweise erzielbar“ zu halten. Das ist die Grundphilosophie.“

Luftwechselrate beachten

Beim Thema Luftqualität in Innenräumen berichtet Exner von den amtlichen Hinweisen und den technischen Möglichkeiten. „Es gibt die Empfehlung der Kommission Innenraumlufthygiene beim Umweltbundesamt: Wo es möglich ist, zu hundert Prozent Frischluftluft verwenden. Eine möglichst hohe Luftwechselrate ist je nach Situation sinnvoll, um das Sich-Aufbauen von Aerosolen zu verhindern. Manche Klimaanlagen haben eine Luftwechselrate von 2,5. Hier wird also pro Stunde 2,5 Mal die Luft komplett ausgetauscht. In OP-Bereichen gibt es einen 20fachen Luftwechsel, also 20 Mal pro Stunde ist die Luft ausgetauscht, in Reinräumen wird die Luft in jeder Minute vollständig ausgetauscht“, erklärt er. Skeptisch ist Exner gegenüber dem Einsatz von UVC-Lampen: „Die Innenraumkommission ist hinsichtlich des Einsatzes von UVC-Lampen sehr zurückhaltend, weil es zu chemischen Reaktionen mit anderen Luftinhaltsstoffen kommen kann. Das physikalische Abscheiden der Viren durch HEPA-Filter ist eher ein Verfahren der Wahl.“

Exner rät zum Impfen

Was kann der Einzelne noch tun, um sich abgesehen von Masken und Filtern gegen das Coronavirus zu schützen? Angesichts von Corona in Herbst und Winter empfiehlt Exner, die Voraussetzungen zu schaffen, damit bei einer Ansteckung die Krankheit möglichst leicht verläuft. Die Strategie heißt hier: Impfen. „Ich empfehle unbedingt älteren Personen ab 60, die Influenza- und Pneumokokken-Impfung ernst zu nehmen. Damit minimieren wir das Risiko respiratorischer Erkrankungen. Pneumokokken sind die wichtigste bakterielle Ursache für Lungenentzündungen, auch die Vierfach-Influenza-Impfung minimiert das Risiko.“

 

Zur Person

Martin Exner ist Mediziner der Fachrichtung Hygiene und Direktor des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit an der Uniklinik Bonn. Profiliert hat er sich auch im Bereich Trinkwasser. Er ist Gutachter im Fall von Trinkwasserverunreinigungen und leitet das WHO-Zentrum zum Wassermanagement in Deutschland.

 

 

 

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