Werkverträge am Pranger: So gehen Fleischverarbeiter damit um

Von Marcelo Crescenti | Fotos: S. Engelhardt | Drucken
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    Nicht nur die Herkunft, sondern auch die Produktion rückt in den Vordergrund.

Im Zuge der Corona-Fälle in der Fleischindustrie stehen Werkverträge am Pranger. Für Hersteller mit großen saisonalen Schwankungen wie der Wurstspezialist Wolf sind sie unabdingbar. Westfleisch will sie dagegen abschaffen.

Das Verbot von Werkverträgen soll nach den Wünschen der Bundesregierung im Januar 2021 in Kraft treten. Darauf reagieren Fleischverarbeiter unterschiedlich. Der bayerische Wurstwaren-Spezialisten Wolf aus Nürnberg, der Jahr für Jahr starke saisonale Schwankungen bei seinen Grillprodukten erlebt, hält diese Art der Verträge für unabdingbar. Westfleisch, einer der führenden Fleischverarbeiter Deutschlands, will dagegen bis Jahresende alle Mitarbeiter selber anstellen.

Beispiel Wolf Wurstspezialitäten: Flexibilität ist lebenswichtig

Rund 110 Mitarbeiter sind bei Wolf am Nürnberger Standort festangestellt. Dazu kommen zwischen 30 und – in Spitzenzeiten – bis zu 100 Beschäftigte über Werkvertrag und Arbeitnehmerüberlassung. „Die Nachfrage kann wöchentlich um 100 Prozent schwanken, je nachdem ob es regnet oder die Sonne scheint“, sagt Geschäftsführer Bernhard Oeller in einer Pressemitteilung.

Nach Unternehmensangaben werden monatlich zwischen 200.000 und 465.000 kg an Nürnberger Rostbratwürsten hergestellt, die zumeist im deutschen LEH verkauft werden. Das Geschäft mit Grillartikeln unterliegt bekanntlich starken saisonalen Schwankungen: Diese sorgen in der Hochphase April bis Juni laut Wolf für eine Steigerung der Produktionsmengen von bis zu 40 Prozent gegenüber dem sonst üblichen Volumen. Wurden bei Wolf im Februar dieses Jahres knapp 213.000 kg hergestellt, waren es im April bereits 540.000 kg, meldet der Verarbeiter.

Für den Standort Nürnberg hätte ein Verbot von Werkverträgen immense Folgen: „Das deutsche Arbeitsrecht sieht nicht vor, jedes Jahr Mitarbeiter zeitlich befristet wochen- oder monatsweise einzustellen und dann wieder zu entlassen. Das ist schlichtweg nicht praktikabel“, so Oeller. Er benötige die Werkvertragsmitarbeiter, um die extremen Schwankungen und Produktionsspitzen abzufedern. Die Werkvertragsangestellten seien ausnahmslos nach deutschem Arbeitsrecht angestellt, viele hätten in Nürnberg und in der Region eigene Wohnungen gemietet.

Beispiel Westfleisch: 10-Punkte-Zukunftsprogramm

Bei Westfleich, die durch Corona-Fälle in der Belegschaft stark gebeutelt wurde, will man umsteuern. Konkret will die Genossenschaft im Rahmen eines 10-Punkte-Zukunftsprogramms bis Jahresende alle Mitarbeiter selber anstellen. „Und das gilt unabhängig davon, was der Gesetzgeber in den kommenden Monaten in dieser Hinsicht beschließen wird“, erklärt Johannes Steinhoff, im Vorstand für den Bereich Weiterverarbeitung verantwortlich. Der Integrationsprozess soll in Abstimmung mit den langjährigen Werkvertragsunternehmen vollzogen werden.

Bereits in den vergangenen Jahren seien über 2.000 externe Werkvertragsarbeiter ins Unternehmen reintegriert worden, so Steinhoff. Mit der nun beschlossenen Maßnahme übernehme Westfleisch künftig selber die Verantwortung für seine Beschäftigten und werde auf entsprechende Werkvertragsanbieter verzichten.

Weitere Punkte des Zukunftsprogramms sind unter anderem die flächendeckende Einführung der digitalen Zeiterfassung, das Sicherstellen von angemessenem Wohnraum sowie die Stärkung der regionalen Landwirtschaft. Auch der Zerlegebetrieb West-Crown, eine 50-Prozent Beteiligung von Westfleisch, wird künftig auf die Vergabe von Werkverträgen verzichten.

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