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Die Lehren der Corona-Krise für die Lebensmittel-Logistik

Im Interview erklärt GS1-Logistikexperte Oliver Püthe, was sich Lebensmittellogistiker derzeit einfallen lassen, um die Versorgung zu sichern, und welche Lehren die Branche bereits jetzt aus der Corona-Krise ziehen kann.

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Logistik bei Eckes-Granini.
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Von Marcelo Crescenti | Fotos: Eckes-Granini

Oliver Püthe, Lead Industrie Engagement Growth bei GS1 Germany.

Die ersten Corona-Wochen sind vorbei, im LEH kehrt eine angespannte Normalität ein. Wie hat sich die Krise auf die Logistik ausgewirkt?

Die Verbraucher waren zuhause, Restaurants und Hotels geschlossen – das verursachte eine deutlich höhere Nachfrage für den LEH. Dabei haben wir Absatz-Peaks auch für Waren erlebt, die keiner Saisonalität unterliegen, wie das berühmte Beispiel mit dem Toilettenpapier. Wenn der Konsum hier auf einmal um 700 Prozent nach oben schnellt, sind Lücken im Regal vorprogrammiert. Güter, die im Ausland produziert werden, ließen sich ebenfalls nur verzögert ausliefern.

Wurden manche Probleme, die bereits vor Corona existierten, durch die Krise verschärft?

Ja, zum Beispiel der Mangel an Lkw-Fahrern. Wir haben in Deutschland schon lange die Herausforderung, geeignetes Fahrpersonal zu finden. Und besonders nach der Schließung der Grenzen mussten viele ausländische Fahrer, die für deutsche Speditionen arbeiten, zuhause bleiben. Dieser Mangel wird uns im Übrigen auch nach der Corona-Pandemie erhalten bleiben.

Wie reagieren die Logistiker auf die aktuellen Engpässe?

Es findet derzeit eine Kapazitätsverlagerung statt: Logistiker, die zum Beispiel für die Automobilindustrie tätig sind, helfen im Lebensmittelsektor aus. Nicht alle verfügen allerdings über die passenden Fahrzeuge. Und wir reden hier nicht über Frische, das ist ein Thema für sich. Wir sehen derzeit auch eine Verlagerung von der Straße auf die Schiene.

Welche kreativen Ideen sind in der Logistik entstanden?

So wie Aldi Nudeln per Sonderzug aus Italien beschafft, nutzen auch etwa ausländische Getränkehersteller verstärkt die Schiene, um ihre Produkte nach Deutschland zu schicken. Das funktioniert vor allem mit Trockenprodukten, zum Beispiel mit Grundnahrungsmitteln wie Mehl oder Zucker. Es gibt vermehrt auch Kooperationen mit Logistikern, die zwar Food-Know-how haben, jedoch normalerweise für die Gastronomie arbeiten.

Die Filialbelieferung funktioniert aber weiterhin gut…

Ja. Hier bestätigt sich, dass es gut ist, dass die meisten Händler Lagerkapazitäten und Filialbelieferung in der eigenen Hand haben.

Gibt es bereits Lehren aus der Corona-Krise für den Lebensmittelsektor?

Es zeigt sich, dass es schwierig sein kann, nur auf wenige oder zum Teil auf einen einzigen Lieferanten zu setzen. Eine breitere Lieferantenbasis trägt besonders in Zeiten wie diesen zur Versorgungssicherheit bei. Hier könnte vor allem im Bereich der Discounter-Eigenmarken ein Umdenken stattfinden – oder auch beim Thema Outsourcing von Logistikdienstleistungen. Die Lebensmittelhersteller merken, dass es nicht genügt, die Produktion und die Verfügbarkeit der Ware zu sichern, wenn sie nicht geliefert werden kann. Deshalb stellen bereits Unternehmen wie etwa der Safthersteller Eckes-Granini auf eigene Fahrzeugflotten um.

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Hat die Logistik wieder in der eigenen Hand: Safthersteller Eckes-Granini.

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